Erscheinungen im Verlauf der Geschichte
Constant J. Mews, Ph.D.
Wir freuen uns, Ihnen diesen Artikel über Erscheinungen im Verlauf der Geschichte, vorstellen zu können. Der Verfasser ist Constant J. Mews, Ph.D. - ein hervorragender Gelehrter im Bereich der vergleichenden Religionswissenschaften und der Theologie aus Australien, der zur Zeit als Gastprofessor an der University of Virginia lehrt.
Mein Weg zum Pavillon im Synchronicity Sanctuary an einem klaren Tag im September, um der Segensreichen Mutter zu huldigen, vermittelte mir viele Eindrücke, vor allem aber ein Gefühl von Ehrerbietung für einen geheiligten Ort, an dem eine Offenbarung stattgefunden hat.
Wir stossen oft an sprachliche Grenzen, wenn wir versuchen, auf die beste Art und Weise etwas zu beschreiben, das als Erfahrung immer jenseits von Worten liegt. Als jemand, der viele Jahre seines Lebens damit verbracht hat, über die Erfahrungen von Offenbarung, Schöpfung und Erscheinungen im Verlauf der Geschichte, besonders in christlicher Geschichte, aber auch auch in anderen Religionen, zu reflektieren - stelle ich ständig Verbindung mit anderen Menschen und Plätzen her. Als ich nun im Pavillon saß und reflektierte, bemerkte ich etwas, das ich die göttliche Mutter nennen würde, eine Erfahrung von vereinigender Liebe für die Schöpfung, die sich zunächst einmal an einem geheiligten Ort manifestiert, umgeben von Bäumen, die uns mit Sauerstoff versorgen, ohne den wir nicht leben können.
Einige berichten, daß sie eine Erscheinung mit ihren eigenen Augen gesehen haben, wieder andere erleben sie vielleicht durch andere Sinne. Die physiche Erfahrung ist dabei nicht von Bedeutung, sondern der Prozess von Erwachen und Verständnis, der sich entfaltet. Was ich dort im Pavillon erlebte, zeigte mir, daß diese allgemeine Ehrerbietung für etwas, das über uns hinausgeht, etwas Kostbares ist, weil es uns über unseren begrenzten gewohnten Bewussheitszustand hinausführt. Ja, wir erleben eine Reflektion einer Göttlichkeit innerhalb unserer selbst. Doch wir selbst sind nur Schatten dessen, was ich die Göttlichkeit oder die Gegenwart nenne, die überall um uns herum existiert.
Wir können im Verlauf der Geschichte auf eine lange Tradition von Erfahrungen zurückblicken, die man vielleicht als die einer schützenden Gegenwart bezeichnen kann, etwas, das jenseits von Form existiert und unserem Leben mehr Einheit und Zusammenhang vermittelt. In vielen alten Praktiken wurden geschlechtliche Kategorien (männlich, weiblich) benutzt, um diese Erfahrung verständlich zu machen. Dies kann natürlich leicht bedeutungslos werden, wenn man sie aus dem Kontext nimmt. Es macht, zum Beispiel wenig Sinn von Gott als Vater zu sprechen, wenn es nicht auch gleichzeitig ein Bewusstsein von Gott als Mutter gibt.
Im Judentum und später von Christentum und Islam übernommen, existiert ein lang etabliertes Verständnis (Jesus wußte es auf jeden Fall), daß Weisheit oder Hokmah eine weibliche Gottheit ist, die das Universum zusammenhält und innerhalb der Welt realisiert werden muß. Christen glauben, daß diese Weisheit von Jesus verkörpert wird. Es ist jedoch interessant, daß die Verkörperung oder Inkarnation leicht unser Verständnis begrenzt (beziehungsweise, wir verstehen nicht, was Manifestation wirklich bedeutet.)
Innerhalb des Christentums wurde die Mutter Maria zu einem solchen Medium von Manifestation, im Sinne ihrer Empfänglichkeit für göttliche Weisheit. Wir finden viele Marienerscheinungen als Mutter Gottes, schützende Weisheit - vielleicht als Gegengewicht zu den vermehrten Abbildungen von Jesus am Kreuz, das das Bild von Jesus als dem guten Hirten im vierten Jahrhundert mit der Bekehrung von Konstantin, verdrängte.
In vorchristlichen Kulturen könnte eine ähnliche Erfahrung als eine Manifestation von Isis verstanden werden. Ich persönlich wende mich gegen einen Reduktionismus im Verständnis jeglicher religiösen Erfahrung, wie z.B. die Aussage, eine Erscheinung sei "in Wirklichkeit" Isis oder die Mutter Maria. In Indien finden wir andere Bilder.
Wir brauchen alle einen besonderen Meister, als Führer und Modell, um uns mit der Strukturierung unserer Erfahrungen zu helfen. Vor allem aber brauchen wir zunächst einmal Respekt...für diejenigen, die eine Erscheinung oder Offenbarung erleben.
Ich weiß natürlich auch, wie schnell sich Geschäfte um einen heiligen Ort ansiedeln. Man kann in Indien oder Spanien zu den heiligen Orten pilgern und sowohl von der Kommerzialisierung abgestossen sein, als auch von dem fanatischen Enthusiasmus derjenigen, die darauf bestehen, daß ihre Erscheinung die wahre sei. Wir müssen uns natürlich auch vor Wunschdenken und Massenhysterie hüten. Leute sehen oft, was sie sehen wollen.
Der Begriff "Erscheinung" kann außerdem als "Gespenst" verstanden werden, obwohl es im tieferen Verständnis um die Erfahrung des Geistes geht. Wir müssen also immer eine wachsame Unterscheidung treffen, wenn wir die Eerfahrungen anderer einschätzen, um nicht gedankenlos von Enthusiasmus (wahre Bedeutung "von Gott erfüllt"), überwältigt zu werden. Wir müssen alle unsere Sinne beisammen haben, unseren Verstand und unser Herz, so daß wir für authentische spirituelle Erfahrung offen sind.
Es ist aber wunderbar, daß die Erfahrung von schützender, heilender Weisheit, die wir unsere Segensreiche Mutter nennen können, hier ist, um uns zu bereichern. Die Menschheit hat ein reiches Muster von Möglichkeiten entwickelt, in dem spirituelle Erfahrung ihren Platz hat.
Manchmal bedeuten uns bestimmte Worte mehr als andere. Ich hoffe, daß diese Erfahrung, verehrt im Sanctuary, die aber zu alle Zeiten und an vielen Orten erschienen ist, unsere Herzen dem öffnet, das jenseits der Begrenzungen von spezifischen Erklärungen und Kulturen liegt.
Associate Professor Constant J. Mews nimmt seit vielen Jahren an der Synchronicity Erfahrung teil. Er ist Direktor des Zentrums für Religion und Theologie an der Monash Universität in Australien, wo er mittelalterliche Geschichte und vergleichende Religionswissenschaft lehrt. Er hat zahlreiche Schriften über die Religion und das Gedankengut des Mittelalters veröffentlicht. Im Herbst 2006 lehrt er einen Kurs über Christen, Juden und Muslems im Zeitalter der Kreuzzüge an der Abteilung für Geschichte der Universität von Virginia und vertieft seine eigene Forschung. Neben seinen Studien über den Dialog im Mittelalter befaßt er sich intensiv mit der Förderung des Dialogs zwischen den Religionen in der heutigen Zeit.
|