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Die Enthüllung der Segensreichen Mutter
von Dr. Constant Mews

Wir freuen uns, Ihnen den Text der Rede von Dr. Constant Mews, die er anlässlich der Enthüllung des Gemäldes der Segensreichen Mutter am 29. November hielt, zugänglich zu machen. (29.11.2006)

Wir werden alle aus dem Körper einer Mutter, ihrer Sorge und immerwährenden Liebe geboren. Dies ist eine universale Erfahrung seit Anbeginn menschlicher Geschichte. Und doch vergessen wir Menschen so oft, vielleicht seit tausenden von Jahren, woher wir kommen. Ich möchte in dieser kurzen Rede anlässlich der Enthüllung dieses wunderbaren Bildes etwas herausgreifen, beschreiben und unter einer größeren Perspektive betrachten. Ich möchte mit den Venusfiguren beginnen, diesen wundervollen 30 000 Jahre alten schwangeren Frauenskulpturen. Sie gehören zu den ältesten Abbildungen in der Geschichte, Zeugen einer wichtigen spirituellen Bewegung, die wir uns nur vage vorstellen können. Einige Gelehrte sind der Meinung, daß sie von den verschiedenen Stämmen verehrt wurden, um Fruchtbarkeit zu garantieren. Obwohl dies sicher ein wichtiger Aspekt war (wo wären wir wohl ohne ihre Fruchtbarkeit), so möchte ich doch ein tieferes Thema vorschlagen, nämlich, daß sie die Menschen daran erinnern sollten, wo sie herkamen und wo ihre wahren Werte liegen sollten. Sie stammen aus der gleichen Zeit, in der wir auch Waffen finden, Gegenstände, die sowohl zum Töten als auch zum Jagen und somit zur Nahrungsversorgung für die Gemeinschaft dienen konnten. Zu einer Zeit, in der die jagbaren Tiere vielleicht weniger wurden und der Wettbewerb um wertvolle Nahrungsquellen zunahm, wurde es notwendig, sich daran zu erinnern, wo wir herkommen. Ich schlage also vor, daß im Verlauf der Geschichte, das, was wir vielleicht die Göttliche oder Segensreiche Mutter nennen können, die Aufgabe übernahm, Menschen und Gemeinschaften wieder in die richtige Richtung zu weisen, fort von der Versuchung, sich in den eigenen Problemen zu verlieren und sich zu verschließen.

Als die alten Zivilisationen in Ägypten, Mesopotamien und dem Industal zentralisierte politische Strukturen entwickelten, um Land zu kultivieren, entstanden machtvolle maskuline Hierarchien, die Staat und Himmel regierten. In Babylon symbolisierte die Geschichte der jährlichen Zerstörung von Tiamat, der großen Schlange und Lebensspenderin, die in der See lebte, durch Marduk, dem männlichen Herrscher, die Durchsetzung maskuliner Macht und Zivilisation über die ungezähmte Natur. Dies erzeugte ein spirituelles und politisches Ungleichgewicht. Die Wiederbelebung der Verehrung von weiblichen Gottesbildern kann man somit als Teil eines kosmischen Korrekturprozesses oder Ausgleiches in diesen komplexen Zivilisationen verstehen. In Ägypten wurde Isis als die Kraft verehrte, die Leben gab und erhielt. Sie war auf der Suche nach Osiris, ihrem Gatten, der wohl sterblich war, aber in ihrem Sohn Horus wiedergeboren wurde. Das Bild der göttlichen Mutter ist nicht einfach das einer Frau, sondern eine spirituelle Manifestation, die dazu dient, das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Natürlich ist, wie bei jeder Manifestation eines göttlichen Bildes, die Gefahr groß, daß aus einem Ideal ein Idol wird. Der wichtige Beitrag der hebräischen Tradition liegt hier in der Warnung vor falschen Idolen. Die Erzählung von der Herausfordung Moses an die Hebräer als sie das goldene Kalb verehrten nachdem sie Ägypten verlassen hatten, ist nicht nur der Triumpf des Patriachats über die weibliche Gottheit. Sie ist vielmehr eine Darstellung dessen, was in jeder religiösen oder philosophischen Gruppierung geschieht (auch heute noch), wenn ein geschlechtliches Abbild verehrt wird, anstatt die wahre Botschaft der Offenbarung zu erfassen. Sogar in der monotheistischen Tradition, besonders wenn sie von einer ausschließlich männlichen Elite interpretiert wird, gab es die Tendenz, sich Gott als ausschließlich männlich, als pures Konzept usw., vorzustellen. Aus diesem Grund entwickelte sich die Lehre der Weisheit (hokmah), die als nährende und erhaltende Göttin personifiziert wurde. Jesus selbst lebte in einer tiefen Bewusstheit von der Göttin der Weisheit und sah es als seine Aufgabe an, diese göttliche Weisheit in die Welt zu bringen.

Es gab viele Formen, in der sich diese Weisheit als Gegengewicht zu der menschlichen Tendenz zur Selbstsucht und dem Schaffen von Idolen manifestierte. In der Zeit des frühen Christentums entstand die Jesusbewegung als Herausforderung an all diejenigen, die sich in ihren eigenen Idealen verloren hatten, wurde aber selbst Opfer des Problems von allen Organisationen, sich selbst wieder zum Idol zu entwickeln. Die Zeit der Kirchenväter produzierte sowohl große Theologie, als auch einige sehr enge Ansichten. Faszinierenderweise tauchte im vierten und fünften Jahrhundert, gerade als das Christentum zur Staatsreligion wurde, auch die Segensreiche Mutter wieder auf, um die Menschen an den wahren Ursprung des Lebens zu erinnern. Die großartigen mittelalterlichen Bilder von Maia und ihrem Sohn Jesus nehmen diese wiederkehrende Vorstellung von der göttlichen Mutter und ihrem Kind auf, um sich der Tendenz, Gott als ausschließlich weiblich zu interpretieren, entgegenzustellen. Im christlichen Mittelalter wird Maria als die Manifestation von Weisheit verstanden und Jesus als deren fleischliche Verkörperung.

Es blieb nicht aus, daß die christliche Verehrung von Maria zu einer Verengung führte. Der Islam wandte sich dann wieder gegen die Tendenz, ausschließlich Idole zu verehren, indem er die transzendente, außerweltliche Natur von spiritueller Energie betonte. Doch innerhalb des Islam sind es Sufi Mystiker wie Rumi, die uns daran erinnern, daß die göttliche Weisheit die Welt nährt und uns zu ihrer Quelle führen.

Deshalb muß jede Religion, ja jede philosophische Bewegung, ab und zu aufgeweckt werden. Deshalb brauchen wir Engel, (das Wort bedeutet: Botschafter), die uns anrufen. Evangelium heißt einfach: die gute Botschaft, die wir brauchen, um uns wieder zu erheben.

In der alten Zivilisation von Indien, die aus der großen Erweckung vor über fünftausend Jahren entstand, gab es den Prozess, in dem Religionen und Philosophien versuchten, eine komplexe Gesellschaft an ihre Ursprünge zu erinnern. Ich selber habe durch meine Erfahrungen in Indien und einigen bedeutenden Lehrern dort, mehr von der christlichen Offenbarung in der ich erzogen wurde, verstanden. Wie überall, gab es auch in Indien die Gefahr von spirituellem Ungleichgewicht. Als Gegengewicht zu einem zu starken Intellektualismus in der Religion, entstand Kashmir Shaivism, um den Zugang zur Quelle des Herzens zu öffnen. Diese alte spirituelle Tradition wurde im zwanzigsten Jahrhundert durch Baba Muktananda, der einen tiefen Einfluß auf Master Charles hatte, mit neuem Leben erfüllt. Ich stehe tief in der Schuld von Master Charles, oder vielleicht der Segensreichen Mutter, die mich erweckten und mir ein bisschen mehr von meiner eigenen Tradition verstehen halfen.

Die Segensreiche Mutter ist nicht eine spezifische Frau. Wir haben es hier mit etwas jenseits von Geschlechtlichkeit zu tun. Was sich für uns als feminin darstellt, dient einfach zum Ausgleich unseres Verständnisses unserer selbst, jenseits von simpler körperlicher oder geschlechtlicher Identität. Wir müssen darauf achten, aus dieser neuen Botschaft nicht wieder ein Idol zu machen. Deshalb müssen wir immer wieder durch neue und frische Bildern angeregt werden.

Es ist erstaunlich, ja wirklich synchronistisch, daß zwei, meiner Meinung nach, Engel gegenüber von Synchronicity leben: Der international bekannte Maler Alexander (Anufriev) und Tanya (Anisimova), eine Cellistin von Weltruf und Komponistin. Die Rolle des Künstler liegt immer in der Erneuerung, der Neubelebung, der frischen Perspektive. Das visuelle Bild hat eine besonders kraftvolle Wirkung auf uns, weil es sowohl bekannt scheint (und sich damit mit einem Teil von uns verbindet), als auch neu ist, und uns somit neue Räume eröffnet. In unserem heutigen Jargon: es gibt uns einen "update". Es ist das besondere Anliegen von Alexander, uns daran zu erinnern, daß Engel immer wieder neu in unserem Leben sind. In dem Bild, das wir gleich sehen werden, zeigen die Engel auf die Segensreichen Mutter, der Quelle unseres Lebens. Ohne die Verbindung mit Künstlern, die alte Idole in Frage stellen und neue Wege aufzeigen, stagnieren die Religionen.

Wir kommen jetzt zur Enthüllung und ich möchte darauf hinweisen, daß die wahre Enthüllung nicht in dem liegt, was wir mit unseren Augen sehen, sondern in dem, was in jedem von uns vorgeht. Die wahre Enthüllung findet in unseren Herzen statt. Manchmal müssen wir unsere Augen schließen, um klarer sehen zu können. Achten Sie auch auf die Musik, die wir hören werden. Musik enthüllt die tiefste Ebene der Struktur von Wirklichkeit, von der Welt, in der wir leben. Wir haben das Privileg, gleichzeitig die Musik zu hören, während wir das Gemälde anschauen und unsere Herzen können sich tief für die Musik und den Tanz des Kosmos öffnen.

Associate Professor Constant J. Mews ist Direktor des Zentrums für Religion und Theologie an der Monash Universität in Australien. Von September bis Dezember 2006 lehrte er als Gastprofessor an der Abteilung für Geschichte der Universität von Virginia. Er hat zahlreiche Schriften zur Philosophie, Theologie und Geschichte des Mittelalters veröffentlicht und tritt aktiv für den Dialog innerhalb der abrahamischen Religionen und zwischen abrahamischen und nicht-abrahamischen religiösen Gruppierungen ein. Er und seine Frau Maryna sind seit vielen Jahren Freunde und Förderer von Master Charles und der Synchronicity Foundation.


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